Segelflug: Kritische Lagen erkennen und richtig reagieren

In den letzten Jahren gab es im Segelflug mehrere tödliche Unfälle. Untersuchungsberichte zu früheren Unfällen verweisen darauf, dass der Kontrollverlust in Folge von Strömungsabriss der Grund sein kann.

Wie bei jeder Landung festzustellen ist, fliegt ein Flugzeug unterhalb einer gewissen Geschwindigkeit nicht mehr. Es ist die Kombination von Geschwindigkeit und Anstellwinkel, die darüber entscheidet, ob eine sauber anliegende Luftströmung besteht oder nicht. Die Frage ist, wie Pilotinnen und Piloten im Flug mit diesen Phänomenen umgehen. Grundsätzlich sollten sich Segelflugpilotinnen und -piloten bewusst sein, dass sie oft langsam fliegen – nämlich immer dann, wenn sie mit der Geschwindigkeit des kleinsten Eigensinkens im Aufwind kreisen. Hier ist die Marge zur Minimalgeschwindigkeit klein.

Warnzeichen erkennen und Gegenmassnahmen ergreifen

Die nachfolgend beschriebenen Eigenschaften und Zusammenhänge beziehen sich auf die üblicherweise benutzten Segelflugzeuge, welche innerhalb der im AFM angegebenen Grenzen betrieben werden. Es kann sein, dass die Ausprägung der Effekte bei dem einen oder anderen Segelflugzeug etwas anders ist.

Auf welche Warnzeichen ist zu achten, welche erfordern eine Reaktion? Welche Gegenmassnahmen sollten sich Segelflugpilotinnen und -piloten anzugewöhnen. Hier die Antworten:

  • Akustik: Mit abnehmender Geschwindigkeit werden die Windgeräusche leiser.
  • Sicht:  Das Horizontbild verändert sich (steigt).
  • Steuergefühl: Die Steuerkräfte werden kleiner.
  • Schütteln:  Oft erst kurz vor dem Strömungsabriss beginnt das Flugzeug zu schütteln.

Sobald sich eines oder mehrere dieser Anzeichen bemerkbar macht, muss die Geschwindigkeit erhöht werden. Wichtig zu wissen: Die Grenzen der Anzeichen sind von der Fluglage und weiteren Flugzeugeigenschaften abhängig.

Faktoren, welche die Minimalgeschwindigkeit beeinflussen

Die nachfolgende Tabelle gibt eine Übersicht der wichtigsten Zusammenhänge, welche die Mindestgeschwindigkeit erhöhen:

Grössere Querlage -> Höhere Flächenbelastung, mehr Auftrieb nötig
Grössere Zuladung
Abfangen, Aufziehen
Schwerpunkt weiter vorne -> Mehr Abtrieb am Heck nötig
Einfliegen in Aufwind -> Erhöhung des Anstellwinkels
Windgradient -> Geschwindigkeitsänderung bezüglich der Luftmasse -> Auftrieb kann in kurzer Zeit verloren gehen
Nicht koordinierte Kurve -> Schräge und asymmetrische Anströmung der Flügel -> Anstellwinkel ist bei einem Flügel grösser
Wölbklappenposition (negative) -> Veränderung der Profilgeometrie -> Auftrieb verkleinert sich, dadurch ist ein grösserer Anstellwinkel nötig.

 

Zuladung und Flächenbelastung: Was zu beachten ist

Beim Flug mit zusätzlichem Wasserballast wird die Minimalgeschwindigkeit höher als ohne Ballast sein. Ein Studium des Flughandbuchs ist angebracht; die angegebenen Geschwindigkeiten entsprechen üblicherweise jenen bei maximaler Zuladung. Das führt dazu, dass die Reserven jetzt kleiner sind. Dies kann sich bei dynamischen Manövern bemerkbar machen. Zudem kann sich das beladenen Flugzeug bei einem Strömungsabriss oder beim Trudeln anders verhalten. Konkret:

  • Der Kurvenflug: Durch die Querlage ist das Horizontbild bereits anders, die Minimalgeschwindigkeit ist höher. Das heisst, beim Kreisen müssen sich die Pilotinnen und Piloten mit viel Querlage an anderen Referenzschwellen orientieren. Wenn sie die Kurve nicht koordiniert fliegen, kann dies die Mindestgeschwindigkeit signifikant erhöhen.
  • Die Kombination von Aufziehen und Eindrehen: Eine bekannte Situation ist, dass die Geschwindigkeit zum Eindrehen in die Thermik zu hoch ist – aber der lange gesuchte Aufwind ist gefunden. Um den Bart (Thermik) nicht sofort wieder zu verlieren, wird aufgezogen und eingedreht. Diese Kombination erhöht die Flächenbelastung. Auch ist es schwieriger, die oben beschriebenen Warnzeichen zu erkennen und einzuordnen. Durch das Aufziehen kann die Geschwindigkeit rapid sinken. Der Geschwindigkeitsmesser mit seiner verzögerten Anzeige hilft nur bedingt. Es ist deshalb eine Überlegung wert, die Reduktion der Geschwindigkeit und das Eindrehen auseinander zu nehmen und beides einzeln und präzise zu fliegen. Auf den meisten Rechnern ist die Position des Steigens ersichtlich und lässt sich problemlos wieder finden.

 

Auswirkungen und Handeln bei Strömungsabriss

Wenn der Strömungsabriss symmetrisch erfolgt, hält sich durch Nachlassen des Höhensteuers der Höhenverlust meistens in Grenzen. Eine nicht koordinierte Kurve, Luftströmungen und andere aerodynamische Effekte können zu einem asymmetrischen Strömungsabriss führen. Das Trudeln hat oft einen beträchtlichen Höhenverlust zur Folge – auch wenn das Verfahren zum Ausleiten korrekt angewendet wird. Nahe über dem Gelände ist die dazu erforderliche Höhe nicht vorhanden. Bei Anzeichen von asymetrischem Strömungsabriss kann es hilfreich sein, den Steuerknüppel leicht zu stossen und etwas Querlage in die Richtung des Abkippens zu geben, um den Flügel zu entlasten.

Je nach Flugzeug und Operation existieren zusätzliche Möglichkeiten, mit einem Strömungsabriss konfrontiert zu werden, oder Warnzeichen werden durch andere Effekte unsichtbar gemacht. So ist zum Beispiel bei einem Windenstart die Flächenbelastung höher als normal und dadurch die Mindestgeschwindigkeit höher. Auch kann es sein, dass der Selbststarter durch die Propellerwirbel das Schütteln verdeckt.

Das neue BAZL-Video Strömungsabriss im Segelflug – erkennen und richtig reagieren, das auf dieses Thema sensibilisiert.

Sich informieren und weiterbilden, um Unfällen vorzubeugen

Dieser Fachbeitrag gelesen? Dann ist der erste Schritt bereits getan. Der zweite Schritt ist das Reflektieren des eigenen Flugverhaltens – und gegebenenfalls das Abgewöhnen von problematischen Gewohnheiten. Sehr zu empfehlen sind zudem der Besuch eines Breitenförderungskurs (BFK) für den Einstieg in den Segelkunstflug. Auch einige Flüge mit einem Fluglehrer stellen eine wertvolle Weiterbildung dar. Um Segelflugzeuge in unbekannten Fluglagen besser zu kennen kann ein Schleuderkurs mit eine Kunstflug-Lehrer zu einem bessern Verständnis und einer früheren Erkennung einer schwierigen Situation führen.

Das BAZL wünscht den Segelflugpilotinnen und -piloten immer genügend Geschwindigkeit, Geländehöhe und unfallfreie Flüge.

 


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