Richtige Entscheidungen treffen – am Boden und in der Luft

Gute Entscheidungen beginnen lange vor dem Start: Wer Gefahren bewusst erkennt, kann Risiken realistisch einschätzen und rechtzeitig Massnahmen treffen. Das ist die Grundlage für das sogenannte Aeronautical Decision Making (ADM). Es gibt bewährte Denkwerkzeuge, die einen dabei unterstützen. Drei praxisnahe Tools sind IMSAFE, PAVE und DECIDE.

Vor dem Flug: Gefahren erkennen mit PAVE
PAVE ist eine einfache Checkliste, um typische Gefahrenbereiche systematisch zu prüfen und den Flug nötigenfalls anzupassen. Diese Überlegungen kann sich ein Pilot bei der Flugplanung machen und auf dem Weg zum Flugplatz nochmals revue passieren lassen.

Szenario: Ein GA Pilot plant einen VFR Flug von Bern nach Innsbruck. Der Flug ist seit Wochen verabredet, das Hotel ist gebucht, die Passagiere freuen sich sehr. Am Morgen zeigt das TAF jedoch: Im Bereich des Alpenhauptkamms sind am Nachmittag sinkende Wolkenuntergrenzen und zeitweise Schauer vorhergesagt.

P – Pilot: Der Pilot-in-Command ist selbst ein wesentlicher Risikofaktor. Hier hilft IMSAFE als ehrlicher Selbstcheck: Illness, Medication, Stress, Alcohol, Fatigue, Eating/Emotion. Ergänzend lohnt sich der Blick auf die eigene Praxis: Die Currency kann legal sein, aber ist die Recency wirklich „safe“?

Szenario: Der Pilot stellt fest, dass er schlechter geschlafen hat als sonst. Er ist noch flugtauglich, aber heute ist kein Tag, um Grenzen auszureizen. Er hat keine Instrumentenflugberechtigung und Flüge bei marginalen Sichtflugbedingungen macht er selten. Er spürt schon jetzt, dass ein Flug durch die Alpen heute keine gute Idee ist.

A – Aircraft: Passt das Flugzeug zum Vorhaben? Performance mit Reserven für die Pistenlänge, Hindernisse und Steigleistung, Limitationen aus dem AFM, sowie Mass & Balance. Oft hilft schon ein zusätzlicher Tankstopp oder eine andere Route, damit die Betriebsgrenzen nicht ausgereizt werden müssen.

Szenario: Das Flugzeug ist für IFR bei Tag und Nacht zugelassen, ohne Zulassung in Vereisungsbedingungen, die Avionik ist sehr modern und hat einen digitalen künstlichen Horizont. Trotzdem, der Pilot überlegt, dass er bei VFR-into-IMC schnell überfordert wäre und dies eines der grössten Risiken des Fluges ist.

V – enVironment: Wetter, Terrain/Hindernisse, NOTAM/AIC, Lufträume sowie Flugplätze (Verfahren, Treibstoff, Öffnungszeiten, PPR, Zoll) und der Zeitpunkt der Nacht. Aus diesen Überlegungen ergeben sich Massnahmen wie Ausweichplätze, persönliche Minima oder ein früherer Abflug.

Szenario: Der Pilot will herausfinden, ob er die geplante minimale Flughöhe bei diesem Wetter einhalten könnte. Gemäss dem Wetterbericht scheint es vielleicht gerade so zu gehen, aber eine abschliessende Antwort findet er nicht. Das Wetter nördlich der Alpen ist hingegen klar innerhalb seiner Limiten fliegbar. Er könnte die Destination ändern, damit die Route vollständig ausserhalb der Alpen bleibt. Für den Fall, dass das Wetter auch dort schlechter sein sollte, definiert er mehrere Enroute-Alternates mit guter Infrastruktur. So muss er sich weniger Sorgen machen um Öffnungszeiten, Zoll oder ihm unbekannte, nasse Graspisten.

E – External Pressures: Dieser Bereich kann alle anderen Warnsignale übertönen. Der gefühlte Druck, einen Flug durchzuführen ist stark beeinflusst von Terminen und dem Fakt, ob man alleine fliegt, mit Freunden oder Personen, welche man noch gar nicht kennt. Gegenmittel: Der PIC kann die Erwartungshaltung der Passagiere aktiv beeinflussen und sollte mit der Planung von Terminen oder bspw. mit Hotelbuchungen vorsichtig umgehen.

Szenario: Der Pilot fühlt sich stark unter Druck wegen der Hotelbuchung, den Passagieren und der Wetterlage in den Alpen. Wenn er sich das so vor Augen führt, wird ihm klar, dass es Zeit ist, die Passagiere zu informieren. Er macht klar: Wir fliegen nicht nach Innsbuck. Die «verlorene» Hotelbuchung wird zur Lesson Learned. Es gibt die Option, eine andere Stadt nördlich der Alpen zu entdecken, oder den Flug ein anderes Mal anzutreten. Der Entscheid fällt auf ersteres.

Während des Fluges: DECIDE als Entscheidungszyklus
Im Flug ist das Risikomanagement ein Kreislauf: Veränderungen erkennen, Risiken bewerten, handeln und die Wirkung überprüfen. Viele Modelle wie 3P, FORDEC oder DECIDE beschreiben im Kern dasselbe. Als Beispiel dient uns DECIDE mit einer klaren Schrittfolge: Detect (Veränderungen suchen und erkennen) – Estimate (Reaktionsbedarf) – Choose (Optionen) – Identify (konkrete Aktionen) – Do (umsetzen) – Evaluate (Ergebnis prüfen). Praktisch lässt sich das in Cruise-Checks integrieren. Dank den Überlegungen zu PAVE aus der Flugplanung fällt einem das Erkennen von Veränderungen während des Fluges umso leichter.

Szenario: Beim Überfliegen der Landesgrenze erinnert sich der Pilot an das DECIDE-Modell. Er informiert sich über die aktuellen METAR am Zielflugplatz und dem geplanten Alternate, welcher auf der Flugroute liegt. Die Wolkenuntergrenzen und Sicht sind besser als aus seinem Briefing erwartet. Der Wind ist jedoch stärker und auch noch ein Seitenwind, damit hat er nicht gerechnet. Auch der Alternate aus der Flugplanung hat eine ähnlich schlechte Pistenausrichtung (Detect). Falls vor dem Anflug bereits klar ist, dass seine persönliche Limite von 12 Knoten Seitenwindkomponente überschritten ist, wird er nicht landen können (Estimate). Nordöstlich der Destination ist ein kleinerer Flugplatz mit Hartbelag und einer viel besseren Pistenrichtung. Diese Option prüft er jetzt gründlich, entscheidet sich aber, den Plan A beizubehalten (Choose). Der Pilot antizipiert, bei welcher Kombination von Windrichtung und -stärke in ATIS und Windcheck das Ausweichen auf den anderen Flugplatz erforderlich wird und welcher Flugroute er folgen wird (Identify). Im Anflug macht er dies so (do), und es bleibt innerhalb seiner Limiten (Evaluate). Der Pilot hat bewusst Gefahren erkannt, Risiken bewertet und Massnahmen abgeleitet.

Gute Gewohnheit
Im Idealfall wird aus diesem strukturierten Weg zu Entscheidungen eine Gewohnheit. Gerne verfallen wir als Piloten dem Tunnelblick oder überzeugen uns selbst davon, dass es mit diesem Wetter oder diesem Ausflug jetzt schon noch klappt. Insbesondere im Single-Pilot-Cockpit geben einem diese Werkzeuge eine breitere Perspektive.


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